»In Verantwortung vor Gott und den Menschen«

– so beginnt das Grundgesetz, das sich das deutsche Volk 1949, also vor 70 Jahren, gegeben hat. Leider war es nicht möglich, eine solche Formulierung auch in den Grundlagentext der Europäischen Union aufzunehmen. Der Grund hierfür war, dass man in manchen Ländern kirchliche Bevormundung oder eine Abwertung Andersdenkender vermutete. Doch diese Befürchtung ist ein Missverständnis; denn die Menschen, die sich für die Erwähnung Gottes in der Verfassung eingesetzt haben, sehen einen Zusammenhang zwischen der Würde des Menschen und unserer Verantwortung vor Gott. Die geschichtliche Erfahrung zeigt, dass die Ablehnung des Glaubens an Gott nicht selten auch zur Verachtung seines Ebenbildes, des Menschen, führt. Totalitäre Systeme unterschiedlicher ideologischer Provenienz sind ein Beispiel hierfür. Wohingegen die Verantwortung vor Gott ernst genommen wird, ist dies eine gute Grundlage für die Einhaltung der Menschenrechte – gerade auch der Meinungs-und Religionsfreiheit.

Die Achtung des Menschen als einmalige, unverwechselbare Persönlichkeit und die Verantwortung vor Gott hängen aufs engste miteinander zusammen. An diesen Zusammenhang erinnert uns das Fest der heiligen Dreieinigkeit, Trinitatis. Dieses Fest fasst zusammen, was für das christliche Verständnis von Gott und Mensch wesentlich ist:

Gott, der alles schafft, erhält und durchdringt, stellt jeden einzelnen Menschen als einmalige Persönlichkeit in die Welt, gibt ihm einen Spielraum zur Gestaltung und überträgt ihm die Verantwortung, mit der Schöpfung respektvoll umzugehen.

Gott lässt den Menschen mit seinem Versagen und seiner Ausweglosigkeit nicht allein, sondern wendet sich ihm in Jesus Christus liebevoll zu, um ihm die Last seiner Schuld abzunehmen und ihm einen neuen Anfang zu schenken und ihn so zu befähigen, für Versöhnung einzutreten – im persönlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Bereich.

Gott erwirkt durch seinen Geist im Menschen Mut zum Vertrauen und Kraft zur Liebe; durch seinen Geist stellt er ihn hinein in eine große Gemeinschaft, die aus Menschen unterschiedlicher Völker, Kulturen, sozialer Schichten besteht: die christliche Kirche. Diese Universalität der Kirche gibt wichtige Impulse für die Verständigung und den Frieden unter den Völkern.

In dreifacher Gestalt begegnet Gott so dem Menschen, und das alles aus Liebe. Diese fantasievolle, gütige Zuwendung Gottes zu uns – das ist mit dem Wort »Dreieinigkeit« gemeint. Was sich zunächst wie ein komplizierter theologischer Begriff anhört, ist in Wahrheit der Hinweis auf die lebendige Wirklichkeit Gottes und sein vielfältiges Wirken an uns Menschen. Unser Gott ist kein theoretisches Prinzip, keine unpersönliche Kraft, kein einsames Wesen – er ist als Vater, Sohn und Heiliger Geist ein lebendiger Gott in liebender Gemeinschaft und hat deshalb auch den Menschen, sein Ebenbild, auf Gemeinschaft hin angelegt.

Dass Sie sich als ein in die Verantwortung berufener, von Gott geliebter und in die Gemeinschaft gestellter Mensch erfahren, das wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Manfred Kießig