Title: Angedacht
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»Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist’s genug siebenmal? Jesus sprach zu Petrus: Ich sage dir: Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.«

Matthäus 18,21f

In diesem Sommer werden viele Menschen zu uns nach Deutschland kommen, nicht nur weil unsere Landschaften so vielfältig sind, sondern weil sie den Spuren Luthers im Jahre des Reformationsgedenkens folgen wollen. Wer dann sensibel ist, wird einiges entdecken, was anders ist als bei früheren Jubiläen. Waren diese in der Vergangenheit oft geprägt von Selbstbeweihräucherung und Abgrenzung gegenüber den anderen, so hat sich diesmal der Ton grundlegend geändert. Zum ersten Mal begehen wir dieses Gedenken nicht gegeneinander, sondern miteinander. Evangelische und katholische Christen können heute miteinander sowohl danken für die Entdeckungen der Reformation als auch gemeinsam trauern über die Spaltung der Christenheit. Einen konkreten Ausdruck hat das gefunden in mehreren ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdiensten: - am 31. Oktober 2016 mit Papst Franziskus in Lund beim siebzigjährigen Jubiläum des Lutherischen Weltbundes; - am 11. März 2017 in Hildesheim mit Landesbischof Bedford-Strohm (EKD ) und Kardinal Marx (Kath. Kirche); - danach in vielen anderen Städten, darunter auch in Leipzig. Das Besondere der Feier in Leipzig am 07. April war, dass wir einen Weg gegangen sind – und zwar in der Öffentlichkeit. Er begann in der Reformierten Kirche, wo Vertreter der unterschiedlichen Konfessionen vor Gott als Schuld bekannten, dass sie durch ihr Verhalten die anderen verletzt haben. Viele Teilnehmer, auch mich, hat es tief ergriffen, als bei jedem Schuldbekenntnis Jugendliche einen Nagel in das Kreuz schlugen, das von den Friedensgebeten aus der Nikolaikirche mitgebracht worden war. Die Bekenntnisse waren sehr konkret. So bekannten die Katholiken die Hindernisse, die sie im Blick auf ein gemeinsames Abendmahl finden, die Reformierten ihre Verachtung gegenüber liturgischen Formen, die Lutheraner ihr Misstrauen gegenüber katholischer Verantwortungsbereitschaft, die Baptisten ihre Abwertung der Taufe anderer Konfessionen. So fanden sich in der Bitte um Vergebung nicht nur Lutheraner und Katholiken, sondern auch Reformierte, Baptisten, Methodisten und sogar der Russisch-orthodoxe Pfarrer zusammen. Ist das nicht ganz im Sinne von Luthers erster These, nach der das ganze Leben der Christen eine Buße, also eine Hinwendung zu Christus, sein soll? Das Ablegen von Schuld macht frei zu Dank und Freude. In diesem Sinne wurden in der Nikolaikirche bunte Bänder an das Kreuz geheftet – als Zeichen des Dankes für die Gaben, die wir an den anderen Konfessionen schätzen. In der dritten Station, der neuen Propsteikirche, richtete sich der Blick in die Zukunft: so verpflichteten sich die Konfessionen, regelmäßig füreinander zu beten und sich vor wichtigen Entscheidungen zu konsultieren. Zum Abschluss hielten wir ein gemeinsames Taufgedenken, wo jeder einen anderen mit Taufwasser segnen konnte. Was hier als gemeinsame Feier vollzogen wurde, das möchte auch in unseren Herzen Raum finden, indem wir uns vergeben und unsere Mitchristen mit ihren Gaben als Bereicherung erfahren.

Dass Sie dies erleben, wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Manfred Kießig


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